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Ein Ausländerproblem

Wissen Sie, dass mir Ausländer manchmal unheimlich vorkommen, nur so, vom Aussehen her?

Nein, bitte, vermuten Sie nun keinen versteckten Rassismus, keine verknaubelte Meckerei über die Ausländerpolitik des Senats, es geht um einen Schinken-Käse-Toast und noch unerforschte Kräfte

An einem meiner zahlreichen freien Nachmittage, an denen ich mich, zu Hause am Schreibtisch oder im Bett gelangweilt, auf die Straße begebe und depressiv gestimmt durch die Innenstadt streife, kam ich an einem historischen Kellerrestaurant vorüber, in dem in früheren Jahrhunderten der Teufel zu dinieren pflegte – so die Stadtchronik. Ach, dachte ich, warum am frühen Nachmittag nicht eine kleine Vorspeise?

Ich stieg die Stufen zum Keller hinab, trat durch eine sich recht großzügig bewegende Schwingtür ins Lokal und stellte fest, dass alle Tische besetzt waren. An einigen saßen nur einzelne Personen, aber da ich ein scheuer Mensch bin und es nicht so gern habe, wenn sich in Restaurants Leute zu mir setzen, setze ich mich selbst ebenfalls ungern zu anderen. Zu irgendeiner Konversation wird man immer genötigt, zu einer negativen oder positiven, zu einer mit Worten oder einer ohne Worte mit Blicken dieser oder jener Art. Ich lief also auf und ab zwischen den Sitznischen und suchte nach einer Möglichkeit, alleine zu essen, und mit diesem Auf- und Abgehen stieg mein Appetit, denn die Düfte der Küche verfingen sich in meiner Nase. Da bekam ich von einem Inder mit weißem Turban, der solo in einer der Nischen an einem Vierertisch saß, in Zeichensprache die unmissverständliche Aufforderung, bei ihm Platz zu nehmen. Ich zögerte, konnte aber schließlich das Angebot des Fremden nicht ablehnen, weil es einerseits so deutlich vorgetragen wurde und andererseits mein Appetit zu Hunger angeschwollen war.

Ich lächelte also und setzte mich zu dem Herrn. Und sofort trat jene Situation ein, die den Aufenthalt in Restaurants an Tischen Fremder so unangenehm macht: Immerzu muss man sich anblicken, obwohl man eigentlich nur speisen will.

Ich sage es im Voraus: Zwischen mir und dem Fremden fiel kein einziges Wort. Er beobachtete mich unter seinem Turban hervor, so dass ich nach etlichen Sekunden sturen Starrens meinen Blick zu den benachbarten Tischen schweifen lassen musste.

Danach kam es zu einer kleine Zwangspause in meinen Augenbewegungen. Der Inder betrachtete mich intensiv, ohne auch nur einmal den Kopf in geringster Weise zu bewegen. Mein Unbehagen wuchs.

Die Kellnerin brachte die Karte. Eine willkommene Gelegenheit für mich, dem bohrenden Blick meines Gegenübers auszuweichen.

Ich bestellte einen Schinkenkäsetoast und eine kleine Cola. Danach heftete ich meinen Blick auf eine verschnörkelte Holzleiste an meinem Stuhl.

Die Blicke des Inders ruhten auf mir. Ich spürte es. Nach einer Weile hob ich ruckartig den Kopf, um zu überprüfen, ob er noch glotzte.

In diesem Augenblick durchbohrte mich auch schon der Strahl aus seinem Geäug. Er hatte den Kopf leicht nach vorn geneigt, andeutungsweise auf die Hände gestützt und stach mit seinem Blick tiefbraun-schwarz durchs Dämmerlicht des Kellers.

Ruhig bleiben, alter Junge, sagte ich mir, ruhig bleiben heißt hier die Devise. Bei einem zweiten Versuch aufzusehen fand ich sogar die Kraft, dem Turbanträger vier Sekunden standzuhalten. Dann jedoch glitt mein Blick wieder ab und verfing sich an jener verschnörkelten Holzleiste.

Mein Selbstbewusstsein war gleich null. Um nicht die Fassung zu verlieren, redete ich mir ein, dass mich dieses Ding, was ich da betrachtete, wirklich interessiere. Starr schaute ich es an und strich mehrmals mit den Fingern darüber, um diese oder jene Verschnörkelung zu erforschen. Nach einigen Minuten wurde mein Genick völlig steif.

Ich riss meinen Blick los von der Leiste und warf ihn auf die auf dem Tisch liegenden Bierdeckel. Dann prüfte ich den Sitz meiner Schnürsenkel, anschließend widmete ich mich nochmals der Speisekarte. In der Spiegelung der Aluminiumzuckerdose lauerte der dunkle Blick. Dieser Fremde hatte eine starke Persönlichkeit.

Cool, boy, cool, sagte ich mir, nichts wird so heiß gegessen, wie es auf den Tisch kommt. Die Kellnerin stellte eine Flasche Worcestersauce zum Bespritzen des Schinkenkäsetoastes auf den Tisch. Sofort erkundete ich Gewicht, Herstellungsort und – datum, Farbe des Inhalts und der Aufschrift sowie die Gewindeart des Verschlusses. Es war ein Rechtsgewinde. Des Inders überlegene Blicke trafen mich gnadenlos.

Toast und Cola wurden serviert. Ich ergriff Messer und Gabel. Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Nur nicht auffallen jetzt, sagte ich mir, um Gottes willen nicht auffallen, Zähne zusammenbeißen und durch! Ich stach in den Schinkenkäsetoast. Nach dem dritten Bissen versuchte ich einen Kontrollblick auf den Inder, wurde aber von seinem Blick abgeschmettert und verfing mich in der Betrachtung der Schnörkelleiste, fand jedoch sofort zum Toast zurück. Äußerlich gelöst, goss ich mir ein Glas Cola ein und trank gierig.

Mein Gott, mein Gott, sagte ich mir und spritzte etwas Worcestersauce über den Toast, hab Erbarmen! Mit der Gabel stach ich den Toast nieder, spritzte etwas Sauce darauf und schnitt dann jeweils mit dem Messer ab. Nur nichts anmerken lassen! Meine Hände zitterten ganz leicht. Wieder spritzte ich etwas Worcestersauce auf einen Happen.

Die Worcestersauce ergoss sich heftig und schäumte auf. Der Schinkenkäsetoast erhob sich bis zum Tellerrand und verharrte dort, leicht schaukelnd.

Ich setzte die Flasche ab und betrachtete mein Werk. Mir brach der Schweiß aus.

Ich hatte die Worcestersaucenflasche mit der Colaflasche verwechselt! Was tun? Was sollte ich tun? Ich beobachtete, wie sich der Käse allmählich vom Schinken löste, während das Weißbrot auf den Grund des Tellers sank. Nur nicht auffallen jetzt! Mit der Gabel tauchte ich den Toast unter, schnitt ab und steckte mir das schwammige Stück in den Mund. Die vorüber kommende Kellnerin schüttelte den Kopf und sagte, der schöne Toast!

Um das Gesicht zu wahren, stammelte ich, so schmeckt’s auch.

Der unheimliche Tischgenosse betrachtete mich weiter. Ein Grinsen war in seine Mundwinkel gestiegen. Hypnose? Auch an den Nachbartischen war mein Missgeschick nicht unbemerkt geblieben. Zwei Frauen kicherten.

Aufgelöst grüßte ich zu ihnen hinüber, legte einen Zehnerschein neben meinen Teller, rannte hinaus und flüchtete in die Volkshochschule, wo ich abendliche Kurse besuche.

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Ein georgische Geschichte

Der eifersüchtige Manishwili saß unter einem Baum voller reifer Feigen und übte sich in Toleranz. Wozu, fragte er sich und blinzelte in die Sonne, wozu um alles in der Welt bin ich eigentlich so eifersüchtig? Bin ich denn schlechter als dieser oder jener, bin ich dicker oder dümmer oder habe ich etwa ein zu kleines Glied? Das wäre das Schlimmste.

Manishwili schauderte.

Der Feigenbaum wiegte sich im lauen kaukasischen Wind, und nach einigen Minuten der inneren Unruhe wiegte sich Manishwili in Selbstsicherheit.

Nein, ich bin nicht schlechter als andere, und meine lange Nase ist ein äußeres Zeichen edler Gesinnung. Eigentlich habe ich Glück, sagte er sich. Denn hätte ich kein Glück, könnte ich nicht unterm Feigenbaum sitzen und mir Gedanken machen. Und warum bin ich stets eifersüchtig und missgünstig wie ein Deckel ohne Topf? Ich habe doch einen Topf! Meine Frau ist sehr klug und schön und folglich sehr begehrenswert.

Ich habe also Glück, sagte sich Manishwili, und ich bin ein guter Deckel. Doch dann kam ihm ein miserabler Gedanke: Meine Frau ist begehrenswert, sagte er sich, aber wenn ich sie für begehrenswert halte, dann tun dies auch andere Männer.

Manishwili sprang auf und lief nervös unterm Feigenbaum auf und ab. Andere Männer. Er hatte ein Gefühl, als läge höchste Gefahr in der Luft. Auch andere Männer hielten seine Frau für begehrenswert. Ha! Und er, Manishwili, wieso überhaupt musste er alleine unterm Feigenbaum liegen? Wo war seine Frau? Vielleicht unter einem anderen Feigenbaum? Vielleicht mit einem anderen Mann?

Schmerz begann ihn zu schütteln. Ich bin zwar nicht schlechter als dieser oder jener, aber ich bin auch nicht besser. Er schaute zum Himmel empor. Eine Feige fiel herab und schlug knapp am rechten Auge vorbei ins Gras. Zornesröte schoss ihm ins Gesicht, er bückte sich, ergriff die Feige und biss hinein.

Kauend setzte er sich wieder und erging sich in apokalyptischen Vorstellungen. Wenn ich nicht besser bin als dieser oder jener, grübelte er, dann, ja dann kann meine Frau zwar mit mir schlafen, aber genauso auch mit diesem oder jenem.

Diese Erkenntnis war so entsetzlich, dass Manishwili vergaß, weiter auf der Feige herumzukauen. Stumm starrte er vor sich ins Gras, und unaufhaltsam kroch in ihm das kalte Gefühl der Eifersucht bis in die Spitze jedes Nervenstranges. Manishwili dachte: Meine Frau, mit diesem oder jenem! Und ich unterm Feigenbaum wegen ihr, Toleranz üben! Der Gedanke folterte ihn, und fast schien es, als zitterten rings ums Tal die schneebedeckten Berge von dem Aufschrei der Verzweiflung und Schmach, der sich nun Manishwilis Brust entrang. Schließlich beruhigte er sich, um dann dem Unglück ins Auge zu blicken: Meine Frau schläft zwar mit diesem und jenem, aber was ist, wenn sie in diesem Augenblick, wo ich unterm Feigenbaum hocke und sie herbeisehne zum Zwecke des Verhörs, nicht mehr mich liebt, sondern nur noch diesen und jenen?

Von solcherlei Gedanken hatte sich der Himmel dunkelgrau gefärbt. Manishwili spuckte die Reste der Feige in die hohle Hand und warf sie in einen nahen kleinen Tümpel. Misstrauisch lauschte Manishwili dem Rauschen des Windes, der die Äste des Feigenbaumes über ihm wiegte, während ganz in der Nähe ein harmloser Wurm von einem kaukasischen Spatz gefressen wurde. Manishwili sah es und richtete den Blick erneut gen Himmel, denn er war nun sehr eifersüchtig.

Mein Gott! Mein Gott! klagte er, lass doch das alles nicht wahr sein. Er spürte deutlich: Irgendetwas war mit seiner Frau. Es musste etwas mit ihr sein, nicht umsonst war sie so begehrenswert.

Und das, ja das machte sie sehr, sehr verdächtig.

Welch Unsicherheit des Daseins! Wenn der Wurm vom Spatz vernichtet wird, so mir nichts dir nichts, warum dann nicht auch ich von meiner Frau, die mir die Liebe entzieht, indem sie sich diesem oder jenem hingibt und ihn auch noch liebt?

Diesem oder jenem! Manishwilis Stimme füllte den Hain mit den überreifen Feigen. Es schien, als würde das Wehklagen des von tödlicher Eifersucht Heimgesuchten nun stärker als zuvor widerhallen von den Berghängen, als würde es sich verfangen in den Halmen der Glockenblumen und Berganemonen auf den Steilwiesen.

Ach, klagte Manishwili, hier sitze ich im Angesicht der Vernichtung eines Wurms, übe mich in Toleranz, und meine Frau ist mit diesem oder jenem...! Aber, fing er sich erneut, ich ertrage es.

Er stand auf, gab sich ein entschlossenes Aussehen und sagte zu seinem Spiegelbild auf der trüben Oberfläche des kleinen Tümpels: Ich ertrage all das mit Stolz, Trauer und Würde. Das Spiegelbild antwortete nichts.

Manishwili sprach ins Rauschen der Bäume: Ich besitze die Züge eines modernen Existentialisten! Ich ertrage es, dass meine Frau diesen und jenen liebt, während ich mich hier unterm Feigenbaume wälze und Toleranz übe.

Ich hasse diese Hure!, schrie er in die trägen Feigenbäume, über die Köpfe der Glockenblumen und Berganemonen hinweg in den Himmel, ich hasse sie, aber ich ertrage auch das noch. Aber ich habe eben Glück. Glück ist, vom Schicksal überrollt zu werden und es ertragen zu lernen.

Da löste der milde Wind, der eben noch durch die Äste der Feigenbäume gestrichen war, von den Hängen des Kaukasus etwas Staub, und der Staub sank nieder und löste Steine, und die Steine sprangen auf Gestein, das stürzte nach unten, hinunter, dem Tal entgegen, in dem Manishwili saß, und begrub in einer gewaltigen Lawine den Feigenbaum, den Tümpel und den sich in Toleranz übenden Manishwili, obwohl das eine völlig unangemessene Reaktion auf dessen törichte Gedanken war.

Nur der Spatz, der den Wurm so roh gefressen hatte, war rechtzeitig aufgeflattert, erschrocken und schrill zwitschernd, und das klang wie: Glück gehabt, Glück gehabt!

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