Zeitungsartikel aus der "Berliner Zeitung"

Ein Blues für die Ketschupfrau

Salli Sallmann singt seltsam-scharfe Hymnen auf das Berlin im Schatten des Glamours

von Thorsten Wahl

 
Er gefällt sich in der Rolle des ewigen Pechvogels, ist schon von jedem Hund in die Flucht geschlagen worden und rutscht auf jeder Bananenschale aus. Es klingt nicht eben schmeichelhaft, was Rockmusiker Christian "Kuno" Kunert von der Klaus-Renft-Combo über seinen Freund Salli Sallmann schreibt.
Wer sich mit Salli Sallmann unterhält, lernt keinen Griesgram kennen, sondern jemanden, der gern und laut lacht - vor allem über sich selbst. Wer ihn mit seiner Band "SeltsamScharf" auf der Bühne sieht, erlebt einen Sänger mit einer kraftvoll rauhen Bluesstimme, der die Zuhörer gerne mit eigenen, witzigen Gedichten unterhält. Salli Sallmann singt Berlin-Songs, wie man sie nur noch selten hört, von "Ketschupfrauen", von der Sehnsucht der menschlichen Mülltonnen, von einem Neuköllner Frauenmörder und der Fahrt mit dem Nachtbus. Seine oft bluesigen Rocksongs spielen in den Vierteln, die nicht "in" sind, die aber vielleicht deshalb das wahre Berlin zeigen. Bei Sallmann trinkt man nicht Prosecco, sondern Bier oder Kakao zur extrascharfen Currywurst.

Mit diesem Repertoire ist Sallmann tatsächlich ein Pechvogel. Er scheint zur falschen Zeit zu kommen, findet schwer Engagements und hat deshalb Mühe, seine Band bei Laune zu halten. Schwierigkeiten hatte er schon vor über 20 Jahren - wenn auch ganz anderer Art.
Anfang der Siebziger stieß der Dichter aus dem Erzgebirge in Leibzig auf Gleichgesinnte wie Gerulf Pannach, den Texter  der Klaus-Renft-Combo. Nachdem die Band verboten, ihr Mentor Biermann ausgesperrt und einige Musiker verhaftet worden waren, kam auch Sallmann wegen "feindlich-negativer" Texte in den Knast und wurde 1977 nach West-Berlin abgeschoben. Er tourte als Liedermacher, veröffentlichte mehrere Gedichtbände. Heute arbeitet er als Literaturredakteur bei "radio kultur".
Viele Texte sind aus den Achtzigern, als er mit Kunert und Co im Cafe Mistral in Kreuzberg saß, diskutierte und trank. Die DDR-Exilanten, fremd im "kalten" Westen, bewahrten sich ihren eigenen Blick. Sallmanns Gedicht "Wolfsland" gelangte in Karl-Eduard von Schnitzlers "Schwarzen Kanal" - als gelungene "Entlarvung des Kapitalismus". Wie die DDR mit Sallmanns Kritik umgegangen war, verschwieg der Chefagitator wohlweislich.

Der 1998 gestorbene Gerulf Pannach hatte ihn zum Wiedereinstieg in die Musik ermuntert. 1997 veröffentlichte Salli Sallmann sein erstes Album "SeltsamScharf", unterstützt vom früheren Renft-Gitarristen Cäsar Gläser. Manche Motive schienen abgeguckt - der "Ketschupblues" etwa erinnert an "Bockwurst Broadway" von Pannach & Kunert. Und noch zögert Sallmann Kunerts Angebot anzunehmen, sein zweites Album zu produzieren. Neue Songs, kräftiger, politischer, gibt es genug, ein Label noch nicht. Aber Salli Sallmann, der ewige Pechvogel, ist zuversichtlich, verbreitet mit seinen 47 Jahren mehr Enthusiasmus und Neugier als mancher coole Mittzwanziger: "Mit knapp 50 hat man doch seine Sehnsüchte nicht verloren."